Freiheit ist kein Selbstläufer
01. August 2026
Ein Plädoyer für Eigenverantwortung, mündige Bürger und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Staat und Freiheit.
von Dagmar Göbbels
Die letzten Jahrzehnte haben viele Veränderungen gebracht – manche sinnvoll, manche schwer nachvollziehbar. Ich frage mich oft, ob wir als Bürger dabei nicht immer mehr Selbstbestimmung verlieren.
Vor 50 oder 60 Jahren konnte eine Ehefrau oft noch unmittelbar über die medizinische Versorgung ihres schwer kranken Mannes mitentscheiden. Heute reicht das allein nicht mehr aus. Häufig sind eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht nötig, damit der Wille des Betroffenen rechtlich abgesichert ist. Zwar muss eine Vorsorgevollmacht in Deutschland nicht grundsätzlich notariell beurkundet werden – in vielen Fällen genügt die schriftliche Form. Für bestimmte Rechtsgeschäfte, etwa beim Verkauf einer Immobilie, kann eine notarielle Mitwirkung allerdings erforderlich sein. Dennoch empfinden viele Menschen die damit verbundenen Formalitäten und möglichen Kosten als Belastung. Wer nichts regelt und selbst nicht mehr entscheidungsfähig ist, für den kann das Betreuungsgericht einen rechtlichen Betreuer bestellen. Das ist keine Entmündigung im früheren rechtlichen Sinn, wird von manchen Betroffenen aber als erheblicher Eingriff in die eigene Selbstbestimmung empfunden.
Ein weiteres Beispiel ist die Steuererklärung. Vor Jahren gab es den bekannten Vorschlag, sie müsse so einfach werden, dass sie auf einen Bierdeckel passe. Davon sind wir heute weiter entfernt denn je. Jedes Jahr ändern sich Formulare, Zeilen, Vorschriften und Berechnungen. Selbst Menschen, die ihre Steuererklärung jahrzehntelang eigenständig ausgefüllt haben, stoßen inzwischen an ihre Grenzen. Man fragt sich, warum offensichtliche Angaben aus dem Vorjahr nicht automatisch übernommen werden können, statt Bürger immer wieder durch neue Formulare und Regelungen zu schicken.
Auch die moderne Technik wirft Fragen auf. Fährt man mit einem modernen Auto ins Ausland und hat eine Panne, kann der Notrufdienst oft den Standort des Fahrzeugs genau bestimmen und schnell Hilfe schicken. Das ist zweifellos ein großer Sicherheitsgewinn. Gleichzeitig bedeutet es aber auch, dass Fahrzeugdaten übermittelt werden können und nachvollziehbar ist, wo sich das Auto befindet. Viele Menschen empfinden diese Entwicklung als Eingriff in ihre Privatsphäre und fragen sich, welche Möglichkeiten Hersteller oder Behörden technisch hätten, wenn Fahrzeuge immer stärker digital vernetzt sind.
All diese Entwicklungen führen zu einer grundsätzlichen Frage: Wie viel Freiheit geben wir Schritt für Schritt auf – oft im Namen von Sicherheit, Komfort oder Bürokratie? Wo liegt die Grenze zwischen notwendigem Schutz und übermäßiger Kontrolle?
Eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass ihre Bürger informiert sind, Fragen stellen und sich in politische Diskussionen einbringen. Es lohnt sich, über diese Themen offen zu sprechen und darüber nachzudenken, wie Freiheit, Eigenverantwortung und staatliche Regelungen in einem ausgewogenen Verhältnis bleiben können. Denn Freiheit ist kein Selbstläufer – sie braucht mündige Bürger, die sich für ihre Rechte interessieren und sich konstruktiv an ihrer Gesellschaft beteiligen.


